Was ist Zähneknirschen (Bruxismus)?
Zähneknirschen ist eine repetitive Aktivität der Kaumuskulatur, die durch das Aufeinanderpressen oder Knirschen der Zähne sowie das Anspannen des Unterkiefers gekennzeichnet ist. Es wird heute nicht zwingend als Krankheit, sondern primär als ein „Verhalten“ (Behaviour) verstanden[1].
Lange Zeit galt Bruxismus rein als Fehlfunktion. Heute unterscheiden Experten gemäß dem internationalen Konsensus von 2018 zwei Formen, die unterschiedliche Hintergründe haben[1]:
Schlafbruxismus (Sleep Bruxism - SB): Dies ist ein schlafbezogenes Verhalten. Die Muskelaktivität ist entweder rhythmisch (phasisch) oder anhaltend (tonisch). Tückisch ist, dass es unbewusst abläuft: Studien zeigen, dass bis zu 80 % der Episoden vom Patienten selbst nicht erinnert werden.
Wachbruxismus (Awake Bruxism - AB): Hierbei pressen Betroffene die Zähne tagsüber aufeinander oder spannen den Kiefer an. Dies geschieht oft unbewusst als Reaktion auf hohe Konzentration oder psychosozialen Stress.
Nicht jeder Bruxismus muss therapiert werden. Erst wenn das Verhalten zu negativen Konsequenzen wie extremem Zahnverschleiß, Schmerzen oder Schäden an Restaurationen führt, wird es zur Störung und bedarf der Behandlung.
Warum knirscht man mit den Zähnen? (Ursachen)
Entgegen früherer Annahmen wird Bruxismus nicht durch einen „falschen Biss“ ausgelöst, sondern ist zentralnervös gesteuert. Haupttreiber sind Stress, Angstzustände, genetische Veranlagung und Störungen im Neurotransmitter-System.
Die Vorstellung, dass eine zu hohe Füllung oder schiefe Zähne (okklusale Interferenzen) das Knirschen auslösen, gilt wissenschaftlich als widerlegt. Stattdessen spielen Faktoren im Gehirn und der Psyche die Hauptrolle:
Psychosozialer Stress: Angst und Stress sind besonders beim Wachbruxismus die treibenden Kräfte. Während der COVID-19-Pandemie nahmen Bruxismus-Symptome signifikant zu, was die Funktion des Knirschens als „Stressventil“ unterstreicht.
Neurotransmitter: Störungen im Dopamin-Haushalt des Gehirns scheinen eine Rolle zu spielen.
Medikamente & Genussmittel: Bestimmte Medikamente (z. B. SSRI-Antidepressiva) sowie Drogen können sekundären Bruxismus auslösen.
Genetik: Zwillingsstudien deuten auf eine signifikante familiäre Veranlagung.[2]
Zähneknirschen Folgen: Was passiert im Mund?
Die beim Zähneknirschen auftretenden Kräfte können das Vielfache der normalen Kaukraft betragen und führen primär zu Verlust von Zahnhartsubstanz. Besonders kritisch ist die Kombination aus Knirschen und Säureangriffen, die den Zahnverschleiß massiv beschleunigt.[3]
Die Folgen für die Mundgesundheit sind vielfältig und hängen oft von Begleitfaktoren ab.
Abrieb der Zähne (Attrition) & Biokorrosion
Der direkte mechanische Abrieb Zahn-auf-Zahn wird als Attrition bezeichnet.[4]Typisch sind glänzende, scharf begrenzte Schliff-Facetten. Solange nur der harte Schmelz betroffen ist, schreitet dies langsam fort. Gefährlich wird es jedoch bei der Biokorrosion:
Kommen Säuren aus der Ernährung (Softdrinks, Obst) oder Magensäure (Reflux) hinzu, weichen diese die oberste Schicht des Zahns auf.
Wirken nun die Scherkräfte des Knirschens auf diesen weichen Schmelz, wird er sofort abgetragen. Sobald das weichere Dentin (Zahnbein) freiliegt, geht es rasend schnell: Dentin nutzt sich ca. 5-mal schneller ab als Schmelz, was zu kraterförmigen Defekten („Cupping“) führt.
Risse im Zahnschmelz und Empfindlichkeit
Durch die Biegebelastung des Zahns können am Zahnhals mikroskopisch kleine Risse entstehen (früher „Abfraktion“ genannt).[4] Diese Mikrorisse machen den Zahn anfällig für Putzdefekte und Erosionen. Die Folgen sind oft schmerzempfindliche Zähne, die auf Kaltes oder Heißes reagieren.
Auswirkungen auf das Zahnfleisch (Sekundäres Trauma)
Ein wichtiger Fakt zur Beruhigung: Bruxismus allein verursacht keine Parodontitis (Zahnfleischtzündung).[5] Solange das Zahnfleisch gesund ist, führt Knirschen nicht zu Zahnverlust. Aber: Wenn bereits eine entzündliche Parodontitis durch Bakterien vorliegt, wirkt das Knirschen wie ein Brandbeschleuniger (sekundäres okklusales Trauma) und kann den Knochenabbau drastisch beschleunigen. Deshalb ist ein entzündungsfreies Zahnfleisch für Knirscher überlebenswichtig für die Zähne.
Risiko für Implantate
Während natürliche Zähne über einen dämpfenden Faserapparat verfügen, sind Implantate starr im Knochen verankert. Ihnen fehlt das taktile Feedback – der Knirscher „spürt“ die Überlastung nicht. Das Risiko für technische Komplikationen wie Schraubenlockerungen oder Keramikbrüche ist bei Bruxisten signifikant erhöht.[6,7]
Was tun gegen Zähneknirschen?
Die Therapie zielt meist auf das Management der Folgen ab, da die Ursachen zentralnervös sind. Goldstandard ist die Aufbissschiene zum Schutz der Zähne, kombiniert mit Physiotherapie und Stressmanagement.
Die Aufbiss-Schiene (Knirscherschiene)
Eine passgenaue Schiene (meist im Oberkiefer) schützt die Zähne vor dem mechanischen Abrieb – die Schiene verschleißt anstelle der Zähne. Sie kann zudem die Gelenke entlasten. Wichtig: Schienen stoppen das Knirschen oft nicht dauerhaft, sondern verteilen nur die Kräfte.[8]
Stressmanagement & Physiotherapie
Da Stress ein Hauptauslöser ist, sind Entspannungstechniken und Physiotherapie essenziell, um die Muskelspannung zu senken. Auch Biofeedback-Methoden können helfen, das unbewusste Verhalten ins Bewusstsein zu rücken.
Die richtige Mundhygiene bei Bruxismus
Da der Zahnschmelz durch die mechanische Belastung mikroskopisch geschädigt wird, ist die Stärkung der verbleibenden Substanz durch Fluorid entscheidend. Zudem muss das Zahnfleisch entzündungsfrei gehalten werden, um Knochenabbau zu verhindern.
Wer knirscht, muss seine Zähne und sein Zahnfleisch besonders schützen:
Zahnschmelz stärken: Fluorid hilft, den durch Stress und Säure geschwächten Schmelz zu remineralisieren.
Zahnfleisch schützen: Da Entzündungen unter der Last des Knirschens gefährlich werden, ist die Reduktion von Plaquebakterien oberste Priorität.
Sanft putzen: Verwende eine weiche Zahnbürste und eine schonende Putztechnik, um nicht zusätzlich Substanz an den gestressten Zahnhälsen abzutragen.
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Quellenangaben
1. Lobbezoo F, Ahlberg J, Raphael KG, et al. International consensus on the assessment of bruxism: Report of a work in progress. J Oral Rehabil. 2018;45(11):837–844. Doi: 10.1111/joor.12663
2. Lobbezoo, F., et al. "Bruxism and genetics: a review of the literature." Journal of Oral Rehabilitation 41.9 (2014): 709-714. DOI: 10.1111/joor.12177
3. Loomans B, Opdam N, Attin T, et al. Severe Tooth Wear: European Consensus Statement on Management Guidelines. J Adhes Dent. 2017;19(2):111–119. Doi:10.3290/j.jad.a38102
4. Grippo JO, Simring M, Schreiner S. Attrition, abrasion, corrosion and abfraction revisited: a new perspective on tooth surface lesions. J Am Dent Assoc. 2004;135(8):1109-1118. doi:10.4103/0973-029X.119788
5. Manfredini D, Ahlberg J, Mura R, Lobbezoo F. Bruxism is unlikely to cause damage to the periodontium: findings from a systematic literature assessment. J Periodontol. 2015;86(4):546–555. Doi: 10.1902/jop.2014.140539
6. Häggman-Henrikson B, et al. Bruxism and dental implants: A systematic review and meta-analysis. J Oral Rehabil. 2024 Doi: 10.1016/j.jebdp.2024.101988
7. Salvi GE, Brägger U. Mechanical and technical risks in implant therapy. Int J Oral Maxillofac Implants. 2009
8. Lukic N, Saxer T, Hou MY, et al. Short-term effects of NTI-tss and Michigan splint on nocturnal jaw muscle activity: A pilot study. J Oral Rehabil. 2021;48(2). doi: 10.1002/cre2.371
9. Fan J, Caton JG. Occlusal trauma and excessive occlusal forces: Narrative review, case definitions, and diagnostic considerations. J Periodontol. 2018;89(Suppl 1):S214–S222. doi:10.1002/jper.16-0581